Druckfrisch: Perspektiven entwickeln – Veränderungen gestalten: Eine Handreichung für Vereinsvorstände

Handreichung-Vereinsvorstände

Gerade im Verlag der Stiftung Mitarbeit erschienen ist die Publikation „Perspektiven entwickeln – Veränderungen gestalten: Eine Handreichung für Vereinsvorstände“. In dem Band ist auch ein Artikel von mir unter dem Titel „Verein 2.0 – Vitalisierung durch Virtualisierung“ zu finden.

Die Stiftung Mitarbeit schreibt über den Inhalt der Publikation auf ihrer Homepage:

Vereinsarbeit verlangt den Akteuren häufig ein hohes Maß an Engagement ab. Vor allem die Vorstandsarbeit ist mit verantwortungsvollen Aufgaben verbunden, die immer weniger Bürger/innen übernehmen möchten. Es fehlt Vereinen also einerseits an Nachwuchs, andererseits mangelt es an der Attraktivität der frei werdenden Stellen. Zudem stehen Vereine und ihre Vorstände vor dem Problem, den gewachsenen sozialen und politischen Anforderungen gerecht werden zu können.

Aktuelle und zukünftige Schwierigkeiten für die Vereins- und Vorstandsarbeit werden in der vorliegenden Handreichung skizziert. Wie können Vorstände den verschiedenen Ansprüchen gerecht werden, neue Potenziale entdecken und die Zielvorstellungen und Arbeitsweisen des Vereins anpassen? Die Handreichung will den Vorstandsmitgliedern Mut machen, neue Wege in der Vereinskultur zu gehen und überkommene Strukturen zu verändern. Dies gelingt, wenn die anstehenden Herausforderungen als Chance zur Veränderung erkannt werden.

In meinem Artikel geht es darum, wie Vereine durch den Einsatz von Social Media einen praktischen Mehrwert für ihr Beziehungsmanagement schaffen können. Dabei arbeite ich mich an den schon an anderer Stelle in diesem Blog skizzierten “sechs kulturellen Werten der sozialen Medien” ab und gebe konkrete Beispiele, wie deren Umsetzung im Vereinsleben aussehen kann.

Eine Publikation, die eine Vielfalt von Perspektiven auf die Herausforderungen und Chancen heutiger Vereinsarbeit entwickelt und konkrete Unterstützung anbietet. Sie kann hier bestellt werden.

Social Media. Motor einer neuen Bewegungs- und Partizipationskultur?

Cover des Forschungjournal Soziale Bewegungen

Anfang September 2013 ist das Forschungsjournal “Social Media. Motor einer neuen Bewegungs- und Partizipationskultur?” in der Reihe “Forschungsjournal (Neue) Soziale Bewegungen” erschienen. Als Gastherausgeberin habe ich den Praxisteil des Heftes gestaltet und unter dem Titel “Zivilgesellschaft in Bewegung. Kultur- und Medienwandel machen es möglich” eine Einführung in die acht Artikel des Praxisteils verfasst. Zudem liefere ich eine Analyse der Ergebnisse meiner Arbeit mit der Socialbar in den letzten fünf Jahren und entwickle daraus ein Modell mit “6 kulturellen Werten der sozialen Medien”.

Mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber gebe ich hier den Artikel in ganzer Länge wieder. Das Forschungsjournal in Printform kann über dieses Formular bezogen werden. Der Artikel liegt auch als pdf vor.

Zivilgesellschaft in Bewegung
Kultur- und Medienwandel machen es möglich

Fünf Jahre, nachdem die Socialbar in Berlin mit der Frage gestartet ist „Wie können die sozialen Medien dazu beitragen Zivilgesellschaft zu stärken?“, haben wir heute Antworten, die praxiserprobt sind. Die Antworten haben einerseits die Vortragenden auf den über 200 Socialbar-Veranstaltungen geliefert, die seit 2008 in 20 verschiedenen Städten stattgefunden haben1.
Gleichzeitig hat die Arbeitserfahrung mit der Koordination des deutschlandweiten Socialbar-Netzwerkes Einblick gegeben in die Chancen und Herausforderungen, welche die sozialen Medien für eine zivilgesellschaftliche Initiative mit sich bringen. Einige dieser gewonnenen Antworten sollen im Praxisteil des Forschungsjournals exemplarisch an Hand von acht Initiativen beleuchtet werden. Verschiedene Facetten zivilgesellschaftlicher Selbstorganisationsprozesse werden dargestellt und die rund um das Thema „Zivilgesellschaft im Medienwandel“ entstandene Community vorgestellt. Ziel ist es, die hinter den Praxiserfahrungen aufscheinenden, inneren Organisationsstrukturen und -logiken sichtbar zu machen und damit für die interessierten Lesenden übertragbar und nutzbar zu machen.

1 Der rote Faden durch den Praxisteil

Die ersten drei Beiträge des Praxisteils zeigen „Lessons Learned“ von drei Initiativen, deren Mitglieder dezentral in ganz Deutschland verteilt sind und die erst in Kombination mit der online geschaffenen Gemeinschaft eine kraftvolle Dynamik entwickeln. Am Beispiel der Socialbar werden, auf Basis der Erfahrungen eines fast fünfjährigen Lernprozesses, Antworten auf die Frage geliefert, wie die sozialen Medien dazu beitragen können, Bürgergesellschaft zu stärken, und was Verwaltung, Politik und zivilgesellschaftliche Organisationen davon lernen können. Das Beispiel der Baumpflanz Initiative „Wikiwoods“ zeigt, wie eine Aktivistencommunity on- und offline Selbstorganisationsprozesse optimal für die eigenen Anliegen einsetzt. Im Artikel der Fundraisinginitiative „2aid.org“ werden die aus Erfahrung entwickelten praktischen Strategien dargelegt, wie ein nachhaltiges Management von Online-Volunteers aussehen kann.

Im zweiten Abschnitt des Praxisteils kommen PraktikerInnen aus drei Online-Kampagnenprojekten zu Wort. Die OrganisatorInnen der „re:campaign“, der Fachkonferenz des digital-sozialen Sektors zum Thema Online-Campaigning, thematisieren typische Fallstricke von Online-Kampagnen. Sie zeigen auf, wie hier in gemeinsamen Lernprozessen die Schlagkraft von sozialen Bewegungen erhöht werden kann. Den Blick zurück und auch in die Zukunft des internationalen Online-Campaignings werfen die OrganisatorInnen von „change.org“, einer Petitions- und Kampagnenplattform. Mit der „partizipativen Kampagnenführung“ erzählen sie die Geschichte von „David gegen Goliath“ neu. Der dritte Beitrag widmet sich der Plattform „GreenAction“, deren Anliegen es ist, Engagierte dabei zu unterstützen, sich über Organisationsgrenzen hinweg zu vernetzen und umweltaktive Menschen für die eigenen Kampagnen zu mobilisieren.

In den letzten drei Artikeln des Praxisteils zeigt sich, welch wertvollen Beitrag offene Wissensdatenbanken für Zivilgesellschaft leisten können. Das selbstorganisierte, partizipative und diskursive Austauschformat „NPO-Blogparade“ macht zivilgesellschaftliche Lernprozesse im Themenfeld „Zivilgesellschaft im Medienwandel“ nach außen transparent und anschlussfähig. Der Praxisbericht über die kollaborative Bearbeitung von Onlinekarten in der Entwicklungszusammenarbeit und von Katastrophenhilfe mit dem Tool „OpenStreetMap“ zeigt anschaulich, wie bottom-up-Initiativen im wahren Sinne des Wortes für eine Neugestaltung „politischer Landkarten“ sorgen können. Diese Erfahrungen sind besonders spannend auch hinsichtlich der Aktualität des Themas durch das Hochwasser in Mitteleuropa.2 Hier ist noch viel zu lernen von den im Süden gesammelten Erfahrungen mit humanitären Katastrophen und dem hilfreichen Einsatz der sozialen Medien. Der letzte Beitrag des Praxisteils „Patienten und Versicherten eine Stimme geben“ widmet sich der Frage, wie nach dem Wiki-Prinzip im Gesundheitsbereich, mit Hilfe von Partizipation via Kommunikationsplattformen, Qualitätssicherung betrieben werden kann.

2 Socialbar, Social Media und sechs kulturelle Werte für eine lebendige Bürgergesellschaft

Die Geschichte der Socialbar ist durch ein schnelles Wachstum gekennzeichnet. Rund um das inhaltliche Anliegen der Socialbar hat sich innerhalb kurzer Zeit ein großes, dezentrales Netzwerk mit lokalen Aktivitäten entwickelt. Diese typischen Charakteristiken finden sich z.B. auch in der Occupy-Bewegung, in den vielfältigen Netzwerken der Couchsurfing-Szene3  oder auch bei Wikiwoods und 2aid.org (vgl. Beiträge im Praxisteil). Die alltäglichen Handlungen, die gemeinsamen Regeln und die Kommunikationsroutinen – kurz: die Organisationskultur – dieser Initiativen verbindet sich produktiv mit den Werkzeugen, die uns die sozialen Medien anbieten. Clay Shirky (2008) kommentiert das Verhältnis von Werkzeug zu Kultur folgendermaßen: “A revolution doesn´t happen when society adopts new tools, it happens when society adopts new behaviours.” Also alles nur Kultur – nicht die Technik?

Ganz so ist es auch nicht. Die Technikpsychologie zeigt, dass Technik allein durch die ihr eigene Struktur gewisse Handlungsweisen nahelegen kann. So ist es auch mit den sozialen Medien, sie laden dazu ein:

  • Gemeinschaften partizipativ zu denken,
  • soziale Begegnungsräume (online und offline) zu schaffen,
  • Informationen (Daten) offen zu teilen und wiederverwertbar zu machen,
  • Prozesse transparent zu machen und dadurch z.B. Vertrauen zu schaffen,
  • Inhalte so zu gestalten, dass sie einen Mehrwert für die Zielgruppe enthalten und so teilbar werden,
  • sich einem Anliegen anzuschließen und selber aktiv zu werden.

Man kann also sagen, dass diese sechs „kulturellen Werte“ den sozialen Medien immanent sind, und dass sie zu Handlungen einladen, die diesen Werten entsprechen. Die Handwerkszeuge sind aber durchaus auch zweckentfremdet einsetzbar – so kann ein Blog selbstverständlich auch eingesetzt werden, um aktuelle Pressemeldungen einer Organisation zu dokumentieren und zu verteilen, ohne das Anliegen, in einen Dialog treten zu wollen.

3 „Partizipativ, sozial und teilbar“ – Lessons Learned aus der Socialbar-Praxis

Im Weiteren werden drei der oben genannten Werte (partizipativ, sozial, teilbar) an Hand der Erfahrungen der Socialbar konkretisiert und aufgeschlüsselt. An jedem Punkt wird gezeigt, wie zivilgesellschaftliche Organisationen, Politik und Verwaltung von diesen Lessons Learned profitieren können, wenn sie sich vor Ort eine lebendige Bürgergesellschaft wünschen.

Partizipativ: Wir brauchen Beteiligungsexperimente!

„Das Konzept der Socialbar darf weiterverwendet werden. Die Organisation einer Socialbar-Veranstaltung in anderen Städten ist ausdrücklich erlaubt.“ Dieses Zitat von der Startseite des Socialbar-Wikis spricht für sich selbst. Diese „Do-It-Yourself“-Einladung hat dazu geführt, dass innerhalb von knapp viereinhalb Jahren in zwanzig verschiedenen Städten über zweihundert Socialbars stattgefunden haben. Dieses Experiment und das daraus resultierende Wachstum stellte das Organisationsteam in Berlin vor eine Menge Herausforderungen. Denn neben der lokalen Socialbar in Berlin entstand eine übergeordnete Koordinationsebene der Socialbars. Fragen von Qualitätssicherung, Wissensaustausch, Weiterentwicklung, Infrastruktur, Integration, Standardisierung tauchten auf. All diese Themen bewegen die KoordinatorInnen der Socialbars seitdem. Trotz dieser Herausforderungen lässt sich im Fazit festhalten – die Socialbar stellt einen riesen Erfolg dar!

Was lässt sich daraus für eine lebendige Bürgergesellschaft lernen? Eine lebendige Bürgergesellschaft braucht derartige Experimente. Zivilgesellschaftliche Institutionen, Politik und Verwaltung können hieraus für ihre Beteiligungsprozesse lernen, wie Ressourcen zu mobilisieren sind, die ihnen sonst entgehen und die Bürgergesellschaft um ein Vielfaches lebendiger machen können. Der Ruf nach Beteiligung ist laut, aber in der Beteiligungspraxis aller drei Akteursgruppen zeigt sich immer wieder, wie schwierig es Institutionen fällt, tatsächlich offene Prozesse zu gestalten, nicht nur zur Mitsprache, sondern auch zur Mitbestimmung einzuladen, oder tatsächlich auf das Empowerment und die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger zu zielen.

Dabei wird die Wertigkeit und Durchschlagskraft dieser Form von Beteiligung deutlich, wenn man sich vorstellt, was ein fast fünfjähriger Beteiligungsprozess mit zweihundert Veranstaltungen für Politik und Verwaltung kosten würde, wenn keine Selbstorganisationsprozesse einbezogen werden. Umgekehrt können auch Initiativen wie z.B. Occupy den Anschluss verpassen, wenn sie keinen Versuch unternehmen, Schnittstellen zu den etablierten Akteuren aufzubauen. Im Zusammenspiel mit den bestehenden Institutionen können beide Seiten voneinander profitieren. Damit der frische Wind, den die Bewegung mit sich bringt, nicht als laues Lüftchen abflaut, braucht es die Zusammenarbeit mit bestehenden Strukturen und deren Ressourcen.

Sozial: online und offline Communities bauen

In dem deutschlandweiten, dezentralen Netzwerk der Socialbar wird es mit Hilfe der sozialen Medien möglich, dass sich diese Gemeinschaft täglich selbst erfährt. In den Netzwerkaktivitäten werden nicht nur die anderen lokal Engagierten sichtbar – ihre Aktivität ist zudem tägliche Bestätigung und Motivation, selber (weiter) aktiv zu sein. Die jeweiligen lokalen Erfolge werden zu gemeinsamen Erfolgen des Netzwerkes. Die Nähe wird ermöglicht durch Bilder, Texte, Mails, Tweets und den täglichen Strom an Netzwerkaktivitäten (X kommentiert bei Y, A liked die Aktivität von C), die online nachvollziehbar werden.

Herum um die enger vernetzte Community von OrganisatorInnen, regelmäßig Teilnehmenden oder auch Beitragenden hat sich ein „großes Netzwerk schwacher Beziehungen“ etabliert. Es ist dieses Netzwerk, das die Schlagkraft der Socialbar bestimmt, es ist das soziale Kapital der Socialbar. Diese Community fühlt sich den inhaltlichen Anliegen der Socialbar verbunden und die OrganisatorInnen der Socialbars pflegen dieses Netzwerk u.a. dadurch, dass sie on- und offline hochwertige Informationen zur Verfügung stellen (Präsentationen, Videomitschnitte, Hinweise auf Stellenausschreibungen oder Veranstaltungen etc.).

Je größer das gepflegte Netzwerk, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitglieder des Netzwerkes in einer der folgenden Weisen für die Socialbars aktiv werden und damit ggfs. bis in den engeren Kreis der Community vordringen. Die Aktivitäten sind modellhaft angeordnet nach steigendem Engagement und steigender Verbindlichkeit:

  • Eine der Online-Präsenzen der Socialbar wird „geliked“ (Facebook), ihr wird gefolgt (Twitter, Slideshare, Vimeo) oder sie wird abonniert (Blog).
  • Die Einladung zu einer Socialbar wird zufällig in den eigenen Social-Media-Kanälen gesehen und weitergeleitet (z.B. per Tweet).
  • Eine hochwertige Information im Themenfeld der Socialbar (z.B. Stellenausschreibung) wird aktiv an die Socialbar-OrganisatorInnen weitergegeben, sodass diese sie wiederum in das Netzwerk weiterleiten können.
  • Die Person besucht zum ersten Mal eine Socialbar und trägt zu dem Abend durch eigene Wortmeldungen bei.
  • Ein eigenes Vortragsthema wird bei einer Socialbar vorgeschlagen und als Präsentation umgesetzt.
  • Ein Freiwilliger organisiert selber eine Socialbar oder wird als weiteres Mitglied in ein bestehendes Team aufgenommen.

Was lässt sich daraus für eine lebendige Bürgergesellschaft lernen? Dieses Modell lässt sich je nach Ansprüchen und notwendigen Tätigkeiten innerhalb einer Organisation anpassen. Es zeigt, dass zivilgesellschaftliche Akteure, Verwaltung und Politik es sich eigentlich nicht leisten können, auf die Schaffung dieses sozialen Kapitals zu verzichten. Die Praxis zeigt aber, dass sich in (Online-) Bürgerbeteiligungsprozessen oftmals nicht die Zeit genommen wird, eine starke Community aufzubauen. Dialogräume brauchen jedoch Zeit, um zu entstehen, um eine Qualität des Austausches zu entwickeln und um Vertrauen entstehen zu lassen. Das gilt für offline- als auch online-Dialogprozesse. Wenn keine Zeit für Vertrauensaufbau ist, dann ist es nicht verwunderlich, wenn die Institutionen Angst davor haben, dass aufgestauter Ärger sich einen Weg bahnt und sich ein „Shitstorm“4  entwickelt, der sich einer moderierenden Regulierung entzieht.

Eine starke Community kann im Ernstfall für Selbstregulation sorgen, d.h. die Mitglieder selber werden moderierend aktiv, um die über längere Zeit etablierten Regeln des Dialogs zu verteidigen. Parteien, die glauben, sie könnten die sozialen Medien nur in der Vorbereitung des Wahlkampfes für die eigenen Anliegen instrumentalisieren (vgl. Elter (2013),  dürfen nicht verwundert sein, wenn ihnen schnell mehr Ärger als Unterstützungsbereitschaft entgegenschlägt. Für eine lebendige und produktive Bürgergesellschaft vor Ort bedeutet dies alles, dass es zwischen den verschiedenen Akteuren etablierte Dialogroutinen und über lange Zeiträume entstehendes Vertrauen braucht. Der Einsatz sozialer Medien in diesem Dialog sorgt dafür, dass, wie am Beispiel der Socialbar beschrieben, sich die Community selbst erfährt, der horizontale Austausch ihre Identität stärkt und eine Vielfalt an Ressourcen für das gemeinsame Anliegen transparent wird.

Teilbar: Begeisterung durch subjektiven Mehrwert schaffen

Ziel der Socialbar ist es, durch die Vorträge zu einem kollektiven Denkprozess zu kommen und so Zivilgesellschaft innovativ weiterzuentwickeln. Damit dies möglich wird, hat sich die Socialbar zehn Regeln5  gegeben, die dafür sorgen sollen, dass alle Beteiligten eine Veranstaltung mit „Mehrwert“ erleben. Der Mehrwert für die Zielgruppe ist nicht nur online Grundvoraussetzung dafür, dass die hier vermittelten Inhalte geteilt werden, d.h. an die eigenen Netzwerke „weitergereicht“ werden. Die zehn Regeln werden primär an die Vortragenden herangetragen, gelten jedoch ebenso für alle Teilnehmenden. Hier sollen drei Regeln exemplarisch aufgegriffen werden.

a. „Du sollst nichts verkaufen: Weder Deine Organisation, Deine Waren, Deine Schriften noch Dein Bedürfnis nach Funding. Tust Du es doch, wirst Du den Unmut des Publikums auf Dich ziehen.“ Wir bitten die Vortragenden, nicht ihre Projekte vorzustellen (zu „verkaufen“), sondern ihre Lessons Learned aus den Projekten. Die Erfahrungen werden auf andere Projekte transferierbar und sorgen für Lernfortschritte. Die Vortragenden, die sich an diese Regel halten, sind die im Anschluss meist gesuchten Gesprächspartner.
b. „Du sollst authentisch sein. Sprich genauso von Deinen Fehlern wie von Deinem Erfolg.“ Diese Regel ist vielleicht eine der herausforderndsten Regeln, denn welche Organisation erzählt schon gerne von eigenen Fehlern? Sie ist aber auch mit die wichtigste Regel, denn für das Plaudern aus dem Nähkästchen bedanken sich die Teilnehmenden ebenfalls mit Offenheit und tragen so zum Mehrwert des Abends bei.
c. „Du sollst Fragen stellen. Denke in Kooperation mit dem Publikum, nicht in Konkurrenz.“ Mit dieser Regel ist das Versprechen verbunden, dass die Vortragenden von der Veranstaltung Ideen und Anregungen für die eigenen Projekte mitnehmen. Online gilt, dass Plattformen auch im „Beta-Stadium“ gelauncht werden, d.h. auch wenn sie noch nicht zu 100 Prozent fertig sind. Die Nutzer geben Feedback zu Problemen, die während der Nutzung auftauchen. Gleiches gilt für Thesen und Ideen in den Vorträgen bei Socialbars – es geht darum, sie gemeinsam weiterzuentwickeln.

Was lässt sich daraus für eine lebendige Bürgergesellschaft lernen? Neben vielfältigen weiteren Anforderungen an Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftliche Akteure werden diese mit dem Anspruch konfrontiert, dass sie hochkomplexe gesellschaftliche Herausforderungen kreativ, innovativ und effektiv lösen sollen. Im Abschnitt zu on- und offline-Communities wurde bereits deutlich, welchen Gewinn es bringen kann, für derartige Herausforderungen auf ein großes bürgerschaftliches Netzwerk zurückgreifen zu können. Die Ausführungen zu Partizipation und Selbstorganisation haben gezeigt, dass offene und langfristige Dialogprozesse gebraucht werden, um die in der Bürgergesellschaft vorhandenen Ressourcen zu mobilisieren. Der obenstehende Abschnitt zum Thema Mehrwert zeigt: Wenn Menschen zusammenkommen, um zu lernen und innovativ weiterzudenken, muss on- und offline ein Rahmen geschaffen werden, der einen Austausch auf Augenhöhe ermöglicht. Ein Raum, in dem sich Kooperationen entwickeln können, in dem die einbezogenen Partner für einander Mehrwerte schaffen und in dem Vertrauen dazu führt, dass wertvolles Wissen geteilt wird, mit dem die großen Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam angegangen werden können.

Das ist die Socialbar
Die Socialbar ist ein Veranstaltungsformat, das Web-Aktivisten und Social Entrepreneurs, NGOs und ehrenamtliche Helfer, Politiker und Unternehmen mit sozialer Verantwortung zusammenbringt. Unter dem Motto „online vernetzen – offline bewegen“ kommen sie regelmäßig zusammen, um die Potenziale des Internets für zivilgesellschaftliches Engagement auszuloten. Hier werden Innovationen diskutiert, Kontakte geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht und Kooperationen eingegangen. Mit kurzen Fachvorträgen und im persönlichen Erfahrungsaustausch, werden die Chancen und Herausforderungen der neuen Medien anhand konkreter Beispiele dargestellt und diskutiert.
Als lokaler Lernort stellt die Socialbar die Bedürfnisse der Teilnehmenden in den Mittelpunkt. Die Abendveranstaltungen sind kostenlos, die eingeladenen Referenten sollen einen Mehrwert bieten anstatt zu verkaufen und die Atmosphäre lädt zum lockere Feierabendnetzwerken ein. Die Vorträge zeigen auf, wie Organisationen mit den kulturellen Werten des Web 2.0, wie z.B. Partizipation, Offenheit, Selbstorganisation und Transparenz, umgehen können. Weitere Themenschwerpunkte der Socialbars sind Communitybuilding, Online-Marketing, Kampagnensteuerung, Online-Fundraising und Plattformstrategien. Jede Socialbar wird mit hohem persönlichem Engagement durch Freiwillige organisiert. Sie richten sich nach den vorhandenen Qualitätskriterien, Leitlinien und Werten der Socialbar. Ob sich Menschen in Zukunft noch besser einbringen können, wird sich vor allem durch die Angebote der Institutionen entscheiden, welche für die Gestaltung unserer Kultur und Gesellschaft mit verantwortlich sind. Die Socialbar hat sich auf den Weg gemacht, diesen Prozess aktiv zu gestalten und voranzutreiben, indem sie in vielen Städten gesellschaftliche Lernorte geschaffen hat.

Anmerkungen als verlinkte Hochzahlen im Text.
Literatur
Elter, Andreas 2013: Interaktion und Dialog? Eine quantitative Inhaltsanalyse der Aktivitäten deutscher Parteien bei Twitter und Facebook während der Landtagswahlkämpfe 2011, in: Publizistik, Volume 58 (Jahrgang 2013), Issue 2, pp 201-220
Shirky, Clay 2008: Here comes everybody. The Power of Organizing without Organizations. London: Penguin.

Lokale Dialoge und Abkommen zur Zivilgesellschaft – Vorbild Schweden

Municipalities and Civil Society

Schweden, die Heimat von Astrid Lindgren, IKEA und Knäckebrot. Seit 2008 auch die Heimat des „Överenskommelsen“, eines Vertrags zwischen Staat und zivilgesellschaftlichen Organisationen des Sozialsektors. Der Vertrag ist das Ergebnis eines einjährigen Dialogs der Akteure in den u.a. 100 national agierende NGOs eingebunden waren. Unter dem Titel „Agreement between the Swedish Government, national idea-based organisations in the social sphere and the Swedish Association of Local Authorities and Regions (SALAR)“, wurden Prinzipien festgeschrieben um die Rollen und Beziehungen der Akteure zu klären und Richtlinien für gemeinsame Vorgehen festzulegen.

Die NetzwerkerInnen des Körber-Netzwerk Bürgergesellschaft waren im September 2013 zu einer Studienreise nach Stockholm eingeladen, um diese Initiative kennenzulernen, aber auch eine Vielfalt weiterer politischer und zivilgesellschaftlicher Akteure zu treffen. Der schwedische Sozialstaat befindet sich nach vielen Jahrzehnten der Stabilität in einem Wandlungsprozess, der besonders den Sozialsektor betrifft. Ziel der Studienreise war es, im Vergleich mit Schweden, zu einer neuen Einschätzung der eigenen Situation in Deutschland zu kommen und wenn möglich, von den dortigen Strukturen zu lernen.

Mein persönliches Highlight war das Treffen mit SALAR, der schwedischen Vereinigung der Gemeinden und Regionen, die in die Erarbeitung des oben beschriebenen nationalen Abkommens eingebunden war. Spannender noch als das nationale Abkommen finde ich die anschließenden Bemühungen von SALAR,  auf lokaler Ebene vergleichbare Verträge zu schließen und entsprechende Dialogprozesse vor Ort anzustoßen. Ebenso wie der nationale Vertrag sind diese Verträge rechtlich nicht bindend, sondern verfolgen primär das Ziel Beziehungen zu klären und Beziehungen zu formalisieren. Um einen stetigen Dialog aufzubauen (und wahrscheinlich auch um Kosten zu senken) kommen auch soziale Medien zum Einsatz um lokale Akteure von zentraler Stelle zu schulen, z.B. in Form von Webinars. Es kann ein großer Gewinn für interessierte Akteure in Deutschland sein, von den Erfahrungen dieses Projekts zu lernen und ich hoffe, dass im nächsten Frühjahr eine Vertreterin nach Berlin kommen kann um davon zu berichten.

Im Vorfeld der Studienreise wurde im Auftrag der Körber Stiftung eine Studie unter dem Titel „Entwicklungen in der schwedischen Bürgergesellschaft“ angefertigt. Eine spannende und angenehm zu lesende Analyse der Geschichte der Bürgergesellschaft in Schweden und ihren aktuellen Herausforderungen und Perspektiven. Mehr Details zur Studienreise und den besuchten Institutionen finden sich im zusammenfassenden Bericht.

Neue Studie “Der Partizipations- mythos. Wie Verbände Facebook, Twitter & Co. nutzen”

Studie-partizipationsmythos

Diese Publikation der Otto Brenner Stiftung wird hoffentlich ein Highlight meiner Sommerurlaubslektüre. Die Erkenntnis, dass in zivilgesellschaftlichen Organisationen soziale Medien nicht für Dialog und Partizipation, sondern für klassische Öffentlichkeitsarbeit im Sinne von Einwegkommunikation genutzt wird, ist nicht neu, aber hier hoffentlich mit einer guten Datenbasis belegt. Vielfältige Grafiken im Heft lassen jedenfalls darauf schließen. Die Studie ist an der Ostfalia Hochschule entstanden und kann sowohl als pdf heruntergeladen werden, als auch bei der Otto Brenner Stiftung umsonst, oder gegen eine Spende als Printversion bestellt werden. Mit dem Titel “Partizipationsmythos” haben die Autoren auf jeden Fall schon mal ins Schwarze getroffen.
Für die nächste Berliner Socialbar am 06.08.2013 zum Thema “Weihnachtsfundraising und – kampagnen” habe ich einige Printexemplare bestellt, die gerade pünktlich geliefert wurden.

Social Media & Bürgergesellschaft – Die drängendsten Fragen zivilgesellschaftlicher Institutionen. Ergebnisse der CCCD-Werkstattgespräche

von Alexandra Härtel (CCCD) und Sophie Scholz
Der Artikel ist auch erschienen im “E-Book” “Social Media für die Bürgergesellschaft. Beiträge zur NPO-Blogparade vom 16.-21.4.2012″ und im Blog des Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD).

In vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen wird zurzeit diskutiert: Müssen auch wir im Social Web aktiv sein? Haben wir die Ressourcen und das Know How für die Kommunikation online? Können und vor allem wollen wir unsere Prozesse der Logik von Social Media anpassen? Die Entscheidung für die Kommunikation via Social Media stellt neue Anforderungen an eine Organisation – auch an ihre Kultur. Um den Veränderungsprozess bewältigen zu können, brauchen die „Change Agents“, die Veränderer in einer Organisation, die Unterstützung der hochrangigen Verantwortlichen. Häufig fehlen jedoch gerade den Entscheidern Gelegenheiten, ein Verständnis für das Potenzial von Social Media zu entwickeln und den Wert für die eigene Organisation zu erkennen.

Mit der Reihe „Werkstattgespräch: Soziale Medien für die Bürgergesellschaft“ hat das CCCD gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung und regionalen Partnern in Hamburg, Bonn, Stuttgart und Leipzig solche Gelegenheiten geschaffen. Führungskräfte aus gemeinnützigen Organisationen sowie Protagonisten der digitalen Bürgergesellschaft waren eingeladen, im Rahmen von Werkstattgesprächen über die Potentiale und Herausforderungen von Social Media für die Bürgergesellschaft und insbesondere für zivilgesellschaftliche Organisationen ins Gespräch zu kommen.

Zu Beginn der Werkstattgespräche wurden die Teilnehmer/innen befragt, ob und wofür ihre Organisationen Social Media nutzen. Deutlich wurde, dass die Mehrzahl der Organisationen Social Media bereits einsetzen: meist für die Vernetzung und den Dialog mit Anspruchsgruppen (Stakeholder), in einigen Fällen für Zwecke der Interessensvertretung und selten für Fundraising und konkrete Beteiligungszwecke. Die Teilnehmer/innen hatten teilweise erste Schritte im Social Web gemacht, einige waren selbst für die Kommunikation ihrer Organisation online verantwortlich und verfügten über Wissen, das sie teilen konnten. Die Mehrzahl der Teilnehmer hatte jedoch noch keine Erfahrung im Umgang mit Social Media Anwendungen und suchte einen ersten Zugang.

Die drängendsten Fragen der Teilnehmer/innen
In der Diskussion kristallisierten sich die drängendsten Fragen der Teilnehmer/innen zum Einsatz der neuen Medien heraus. Die Top 5 sollen hier aufgegriffen werden:

Top 1: „Wie viel Zeit muss in die Aktivitäten im Social Web investiert werden?“
Mit einer Angabe in Stunden und Minuten ist diese Frage nicht zu beantworten. Vielmehr müssen verschiedene Faktoren berücksichtigt werden wie Erfahrungsgrad im Umgang mit den Social Media-Anwendungen sowie die Aktivitäten und deren Ziele („Zuhören“, Aufbau einer Community, Organisation eines Beteiligungsprozesses). Auch Disziplin ist für das Zeitmanagement ein relevanter Faktor, kann man sich doch leicht in der Informationsflut online von seinen eigentlichen Aktivitäten ablenken. Lesenswerte Artikel zum Thema Zeitmanagement im Social Web haben Beth Kanter und Aliza Sherman verfasst. Sie geben weitere Anhaltspunkte, wie notwendige zeitliche Ressourcen abgeschätzt werden können.

Top 2: „Auf welcher Plattform erreiche ich meine Zielgruppe(n) am besten?“
Bei der Suche nach einer Antwort können Statistiken und Analysen helfen, die über Nutzergruppen der verschiedenen Plattformen berichten und damit Aufschluss darüber geben, wo welche Nutzer anzutreffen sind. In vielen Organisationen geht die Diskussion um die Nutzung von Social Media mit der Frage einher, ob sie auf Facebook präsent sein sollten oder nicht. Mit 900 Mio. Nutzern weltweit und über 20 Mio. davon aus Deutschland, ermöglicht die Plattform theoretisch eine hohe Reichweite. Gleichzeitig ist das Geschäftsmodell der Plattform, das auf Verwendung der Nutzerdaten basiert, ein umstrittenes, zu dem jede zivilgesellschaftliche Organisation eine Position entwickeln sollte.

Top 3: „Geht auch „ein bisschen“ Social Media?“
Auf einer Social Media-Plattform präsent zu sein, aber sich nicht für den Dialog zu öffnen, sondern lediglich auf die eigene statische Website zu verweisen ist ganz sicher keine Lösung für Organisationen, die sich noch nicht bereit fühlen für die Interaktion im Social Web. „Ein bisschen“ Social Media nach diesem Prinzip ist nicht empfehlenswert. Was jedoch durchaus sinnvoll ist und sich gerade für den Einstieg ins Social Web eignet, ist die Nutzung weniger oder gar nur einer Social Media-Anwendung(en), um mit dem Kommunikationsprinzip vertraut zu werden und seine Ressourcen nicht zu strapazieren. Organisationen können sich der Social Media-Kommunikation auch zunächst intern öffnen, etwa indem Termine kollektiv, z. B. via Doodle, abgestimmt werden und Dokumente gemeinsam in Echtzeit bearbeitet werden, etwa via EtherPad oder Google Docs.

Top 4: „Wie kriege ich Masse hin?“
Mit dem Anlegen eines Profils auf einer Online-Plattform des Social Webs und regelmäßigen Hinweisen auf die neueste Pressemeldung der Organisation lässt sich kaum erreichen, dass eine Vielzahl an Nutzern ihr Interesse an einer Organisation und ihren Themen entdeckt. Hinterfragt werden sollte, ob tatsächlich „Masse erreichen“ für die Organisation einen Mehrwert bietet oder doch eher „genau die Richtigen erreichen“ den Schlüssel zum Erfolg darstellt. Genau wie „offline“, gilt es „online“ zunächst Beziehungen aufzubauen, „Hände zu schütteln“ und die Themen der Organisation ins Gespräch zu bringen. Die Inhalte sollten an die Ziele der Organisation anknüpfen und den Nutzern einen Mehrwert bieten. Es gilt: Qualität geht vor Quantität. Den Mitgliedern des eigenen Netzwerks zuzuhören und auf das Feedback einzugehen, ist essentiell, genau wie die Gestaltung der Inhalte entsprechend der „Social Media-Werte“ (s. dazu weiter unten). Es bietet sich außerdem an, Multiplikatoren einzubinden, und zwar genau diejenigen, die mit der eigenen Zielgruppe in Kontakt sind.

Top 5: „Wie kann ich „Follower“ und „Fans“ für die Ziele meiner Organisation aktivieren?“
Responsivität im Social Web und eine transparente Darstellung der Aktivitäten einer Organisation und ihrer Unterstützer sind Grundlagen dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer gegenüber der Organisation Vertrauen aufbauen. Auf dieser Basis können konkrete Unterstützungsanfragen ins eigene Netzwerk erfolgreich sein und Kräfte gewonnen werden fürs Engagement on- und offline.

Die Gespräche mit den Teilnehmer/innen haben gezeigt, dass wenn sie bereits privat in den Sozialen Medien aktiv sind, es für sie leichter ist, ein Verständnis zu entwickeln, wie und mit welchem Mehrwert Social Media auch für die eigene Organisation eingesetzt werden können.
Für Erleichterung bei den Teilnehmer/innen sorgte, den Einsatz von Social Media nicht von den Techniken her anzugehen („Wir müssen Facebook machen“), sondern den Einsatz von Social Media von der  Zielsetzung einer Organisation her zu denken (wie z. B. „mehr Freiwillige einbinden“). Mit diesem Ansatz werden Social Media für die Teilnehmer/innen wieder handhabbar, denn dann sind sie kein „großes, vielverheißendes Etwas, dessen Mehrwert nicht wirklich klar ist“, sondern lassen sich von den Zielen der Organisation her planen und einsetzen. Relevante Fragen, die sich eine Organisation bei der Entwicklung einer Social Media Strategie stellen sollte, haben wir in einem Frageleitfaden zusammengestellt.

Das Konzept der Werkstattgespräche
Das zweistündige Werkstattgespräch mit Dr. Michael Bürsch, Dr. Serge Embacher und Alexandra Härtel im November 2011 in Hamburg stellte den Auftakt dar und diente auch dazu, die spezifischen Fragen der Vertreter/innen von Vereinen, Verbänden und Stiftungen zur Nutzung von Social Media kennenzulernen. Auf dieser Grundlage konzipierten wir, Sophie Scholz und Alexandra Härtel, drei weitere, jeweils vierstündige, Werkstattgespräche, die im März und April 2012 in Bonn, Stuttgart und Leipzig stattfanden. Strukturiert wurden diese durch Wissensangebote und Diskussionsrunden. Thematische Schwerpunkte bildeten das Potential von Social Media und die Entwicklung einer Social Media-Strategie unter Berücksichtigung der „Social Media-Werte“.

Welche neuen Handlungsspielräume bieten Social Media engagierten Bürger/innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen? Mit einem Überblick zu dieser Frage eröffnete Alexandra Härtel die Werkstattgespräche und lieferte anschauliche Beispiele hinsichtlich des Aufbaus und der Pflege von Beziehungen mit Anspruchsgruppen, der Nutzung von Ressourcen des eigenen Netzwerks und der Ermöglichung örtlich und zeitlich flexibler Beteiligung an organisationalen Prozessen. In kleineren Runden konnten die Teilnehmer/innen anschließend diskutieren und gemeinsam erarbeiten, wie Social Media für die Gewinnung und Stärkung von Freiwilligen, für Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit im Social Web und für Beteiligungsmöglichkeiten in Organisationen genutzt werden können.

Sophie Scholz (e-fect) verdeutlichte in ihrem Vortrag zur Entwicklung einer Social Media-Strategie, dass für eine wirkungsvolle Interaktion im Social Web Werte der „Social Media-Kultur“ berücksichtigt werden müssen. Sie stellt fest, dass die Einbeziehung von Social Media in die Kommunikationsstrukturen für viele zivilgesellschaftliche Organisationen häufig nicht nur bedeutet, Ressourcen und Kompetenzen für den Dialog online bereitzustellen, sondern auch, einen Kulturwandel innerhalb der Organisation vollziehen zu müssen. Will eine Organisation im Social Web durch ihre Inhalte überzeugen, sollten diese entsprechend der kulturellen Werte des Social Web gestaltet werden und bestimmte Eigenschaften aufweisen, wie:

  • partizipativ (Wird dazu eingeladen „Teil der Bewegung“ zu werden?),
  • sozial (Werden Menschen zusammengebracht? Wird zwischen „online“ und „offline“ eine Brücke geschlagen?),
  • offen (Werden Daten zur Verfügung gestellt, mit denen andere weiterarbeiten können?),
  • transparent (Werden Inhalte angeboten, die Organisationen und ihre Projekte überprüfbar machen?),
  • teilbar (Generieren die Inhalte einen subjektiven Mehrwert?) und
  • aktiv (Werden Zielgruppen aktiviert und machen Selbstwirksamkeitserfahrungen?).

Es versteht sich von selbst, dass diese Werte auch offline gelebt werden müssen, will man das Potential der Social Media nutzen.

Ein Ziel unserer Werkstattgespräche, an denen 47 Personen, größtenteils Vertreter/innen zivilgesellschaftlicher Organisationen teilgenommen haben, war es auch, einen Impuls dafür zu geben, dass die Teilnehmer/innen miteinander zum Thema Social Media im Gespräch bleiben und Erfahrungen und neu erworbenes Wissen teilen. Treffpunkte und Anlässe dafür können etwa die Socialbars in Hamburg, Bonn und Stuttgart und der „Webmontag“ in Leipzig sein. Zum Weiterlesen und -lernen haben wir außerdem eine Reihe von Wissensquellen zusammengestellt.

Ermöglicht wurden die Werkstattgespräche, die für die Teilnehmer/innen kostenfrei waren, durch eine Förderung der Robert Bosch Stiftung und die Unterstützung regionaler Partner. An dieser Stelle recht herzlichen Dank für die gute Kooperation an die Körber Stiftung in Hamburg, den Wissenschaftsladen Bonn e. V., den Stuttgart Connection e. V., das Generationenhaus Heslach der Rudolf Schmid und Hermann Schmid Stiftung, das Diakonische Werk Innere Mission Leipzig e. V. und die Robert Bosch Stiftung.

Neuerscheinung: “Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden”

Titelseite "Kommunale Intelligenz"Ein spannendes Buch der Edition Körber Stiftung, weil der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther Erkenntnisse der Gehirnforschung überträgt und in Verbindung bringt, mit der Entwicklung von menschlichen Gemeinschaften (Kommunen). Sein Anliegen ist es, zu der Entwicklung einer „neuen Beziehungskultur“ einen inhaltlichen Beitrag zu leisten. Im Zentrum steht das Bild eines (jungen) Menschen, dem in der Kommune ermöglicht wird, sich „als Entdecker und Gestalter, als Potenzialentfalter, als Selbstentwickler“ zu erfahren.
In der Lerntheorie nimmt der Autor, ohne dies explizit so zu benennen, Anleihen bei der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Seine Botschaft ist, dass Lernen, Innovation und Weiterentwicklung auf persönlicher und kommunaler Ebene nur möglich wird, wenn den Individuen und der Gemeinschaft vor Ort, Erfahrungs- und Experimentierräume geboten werden. Lernen funktioniert nur über Erfahrungen und einen selbstgesteuerten Lernprozess des Lernenden. Für diese Form des Lernens ist in den Bildungsinstitutionen und den Kommunen zu wenig Platz. Hier müssen entsprechende Räume geschaffen und aktiv dazu eingeladen werden, wobei dies nicht über das Schaffen eines „Möglichkeitsrahmens“ hinausgehen kann. Ob und wie dieser Möglichkeitsrahmen genutzt wird, ist eine Frage die nur in der Praxis beantwortet werden kann.

Der Autor bricht aktuelle wissenschaftliche (Lern-)Theorien auf eine populärwissenschaftliche Sprache herunter und macht diese für eine Vielzahl von Menschen zugänglicher. Das Buch ist in einfacher Sprache geschrieben und hat als Zielgruppe wahrscheinlich “Changemaker” vor Ort in Verwaltung, Politik, Bildungsinstitutionen und alle diejenigen, die zu Änderungen beitragen wollen.
Dabei bleibt das Buch aber leider etwas allgemein, bzw. in der Theorie verhaftet. Einige Links verweisen auf Good Practice Projekte, das hätte man aber durch einen Anhang mit Projekten wie “Transition Town” etc. noch reichhaltiger gestalten können. Eben weil der Autor im Fazit darauf hinweist, dass jedeR ein „PotenzialentfaltungsCoach für die in seine Kommune hineinwachsenden Kinder und Jugendlichen“ sein kann, fehlen nach diesem „Call to Action“ die konkreten Hinweise für alle diejenigen, die sich nach Lektüre des Buches nun berufen fühlen.

Hier kann man das Buch bestellen.

Links auf die der Autor verweist:
www.schule-im-aufbruch.de
www.nelecom.de Neue Lernkultur in Kommunen

Andere Links zum Weiterlesen
http://www.dorv.de/
http://www.transition-initiativen.de/
http://www.die-lernende-stadt.de/